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2017

The Illegal Project

ENG


Urban space has its possibilities, each citizen uses them. The usage gets especially interesting when it comes to an unusual or illegal use of urban situations. 

Special users create their own ideas and strategies for the space that surrounds them. urban space becomes the workplace for drug dealers or prostitutes and as well is the habitat for homeless people. They all use public space and the surrounding structures for their benefit. Places become hiding or sleeping spots, urban structures are used to have a quiet place, or to be safe from weather or the police.

The Illegal Project documents this misuse of space, but it also questions the current political and bureaucratic agenda for certain groups and places.

 

GER


The Illegal Project beschäftigt sich mit der illegalen Nutzung und der Nutzung von Grauzonen im öffentlichen Raum. Der Ursprungsgedanke war diese nur zu dokumentieren. Durch die Beschäftigung mit verschiedenen städtischen Orten und Situationen wurde jedoch klar, öffentlicher Raum bietet die letzte Möglichkeit sich eine Stadt anzueignen. Er ist ein wichtiger politischer Akteur, sei es als Ort von Demonstrationen, der Anbringung von antikapitalistischen Slogans, oder als Ort, der direkt und konkret die Probleme aufzeigt an denen wir als Gesellschaft scheitern.

Es wird deutlich, dass gerade die Politik lieber sichtbare Probleme löst, als deren Ursprung zu hinterfragen und am Ansatz eine Lösung zu finden. Man verbietet Drogenabhängigen sich an bestimmten Orten aufzuhalten um das Stadtbild zu verschönern, bietet ihnen aber nicht wirklich Alternativen, wodurch Eigendynamiken entstehen, die unvorhersehbar und sehr interessant sind. Der öffentliche Raum spiegelt die Bevölkerung wider, wird zum Schauplatz politischer Aktionen und wird von Nutzern an ihre Bedürfnisse angepasst.

In den Arbeiten wird hinterfragt was mit dem öffentlichen Raum passiert und wie dieser sich verändert. Es wird aufgezeigt welches Potential er bietet und wie es genutzt wird. Man merkt schnell jene die versuchen sich ihren Raum zu nehmen, denen gelingt es. Beispiele, wie illegal gebaute Skateparks oder eine Hütte auf einer kleinen Insel in der Donau, zeigen, dass es Potential für den Raum und dessen findige Nutzer gibt.

In den verschiedenen Arbeiten, die im Zuge dieser Ausstellung gezeigt werden, wurde versucht sich dem Projekt anzunähern – es entstanden dabei konzeptuelle Video- und Foto-arbeiten, die einen Teil der Recherche und der theoretischen Arbeit widerspiegeln.

 

 

DRUGS

 

 

Angebot und Nachfrage sind eng verbunden, das lehrt die Marktwirtschaft. Dementsprechend wird es Drogenhandel geben so lange es einerseits Menschen gibt, die diese verwenden und gewillt sind dafür zu bezahlen, meist gut zu bezahlen, andererseits Leute, die damit gut verdienen und deren einzige Chance es ist damit Geld zu verdienen, weil sie aus dem normalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Natürlich könnte man Wege finden das "Problem" zu lösen, wie eine Liberalisierung und Verstaatlichung bestimmter Drogen, psychologische Betreuung für Betroffene oder bessere Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die sonst keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. 

Es wird meist jedoch nach medienwirksamen Lösungen gesucht - ob es die damalige Delokalisierung vom Karlsplatz in Wien oder Gesetzesänderungen verbunden mit Polizeiaktionen wie im letzten Jahr am Gürtel- waren. Dennoch Drogenkonsum und Handel existieren noch immer. Der Handel wurde vielleicht etwas eingedämmt und unauffälliger, aber ist noch vorhanden. Durch die Änderungen mussten sich die Händler und deren Kunden neu orientieren und anpassen, aber wie bereits erwähnt - wo Nachfrage herrscht, findet man immer Lösungen. 

Das Beispiel des Gebietes um die Josefstädter Straße und den Wiener Gürtel zeigt wie sich besonders die Dealer an ihre Umgebung anpassen. Sie nutzen verschiedenste Situationen des öffentlichen und semi- öffentlichen Raums, um sich einen Vorteil gegenüber der Polizei zu verschaffen. Was früher offensichtlich vor und um die U-Bahn-Station passierte, hat sich jetzt auch in die nähere Umgebung verlagert, um verdeckter zu passieren. Es wird der nahegelegene Markt mit seinen Ständen verwendet, die Schutz bieten oder Hauseingänge, die mit dem Postschlüssel zugänglich sind, um sich zu verstecken. 

Auch der Gürtel ist quasi ein idealer Ort, durch seine Weitläufigkeit und Überschaubarkeit können "Gefahren" schon früh erkannt werden. Die ständigen Personenkontrollen der Polizei von Menschen mit Migrationshintergrund führen dazu, dass natürlich vermieden wird Drogen am Körper zu tragen, so werden teilweise Bauteile von Gebäuden deformiert oder abgeändert, um die Drogen zu verstecken oder bestimmte architektonisch Situationen genutzt, um sie verschwinden zu lassen. Umso intensiver das polizeiliche Vorgehen ist, desto erfindungsreicher werden die Lösungen, um den Gesetzeshütern aus dem Weg zu gehen und die Ware an die Kunden zu bringen.

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In der Videoarbeit werden Situationen gezeigt, die während der Recherche beobachtet und festgestellt wurden. Es wird erklärt wie verschiedene Aspekte des Straßenraum verwendet und genutzt werden. Interessant dabei ist besonders die Anpassung an die Umgebung und das Adaptieren von Raum um sich und seine Ware zu schützen.

 

PROTEST

 

Durch Proteste und Demonstrationen die im öffentlichen Raum durchgeführt werden, wird es der Gesellschaft möglich gemacht ihre Anliegen kund zu tun. Jeder bekommt ein Sprachrohr oder hat die Möglichkeit dieses zu nutzen. Dies ist in keiner Weise illegal, es ist sogar recht einfach eine Kundgebung anzumelden und diese muss im Normalfall genehmigt werden. Meistens verlaufen diese Veranstaltungen auch ohne Probleme, doch in den letzten Jahren kam es von Seiten der Polizei und Demonstranten vermehrt zu Ausschreitungen und Problemen. Dies wurde einerseits von der Polizei provoziert, die Kundgebungen im letzten Moment als „illegal“ oder nicht genehmigt erklärt und dadurch dann oft zu Unmut auf der anderen Seite führt. Dieser Unmut führt dann natürlich oft dazu dass eine ansonsten vielleicht ohne große Probleme durchgeführte Kundgebung in den Bereich der Illegalität und Missachtung der Gesetze führt – oft auf beiden Seiten – sowohl die Polizei als auch die Demonstranten setzen dann auf Mittel, die nicht rechtskonform sind. Bei dem letzten G20 Gipfel konnte man sehen wie schnell es zu einer Eskalation kommt, die Polizei stürmte ohne triftigen Grund die angemeldete Demonstration. Wodurch sich Gruppen in die Stadt verteilten und diese teilweise verwüsteten oder Gegenstände aus dem öffentlichen Raum verwendeten, um sich mehr Zeit zu verschaffen oder die Polizei zu blockieren.

Es ist besonders interessant wie der Straßenraum von beiden Seiten genutzt wird. Demonstranten verwenden alle Mittel, die ihnen zur Verfügung gestellt werden, bauen daraus Blockaden und zünden diese oft an, dadurch wird die Polizei einerseits abgelenkt aber auch zurückgehalten. Durch ein ständiges Vor und Zurück der Demonstranten versuchen diese Raum zu halten oder zu gewinnen. Sie lösen Pflastersteine aus der Straßenpflasterung und bewerfen damit die Polizei. Diese im Gegenzug setzt auf schweres Gerät und Gruppenstärke und zeigt häufig folgende Vorgehensweise. Meist startet eine große Gruppe von Beamten auf die Demonstranten zu und verschafft sich mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Schutzschilden Raum. Ebenso werden Wasserwerfer eingesetzt, um Raum zurück zu erobern.

Im Lauf der Geschichte wurde öffentlicher Raum immer wieder verwendet, um Missstände aufzuzeigen. Man kann hier Rosa Parks nennen, die sich auf einen ihr rechtlich nicht zustehenden Platz im Bus setzte. Jan Pallach zündete sich auf der Treppe der Nationalbibliothek in Prag an. PussyRiot wurden nach ihrem Auftritt in einer Kirche für mehrere Monate eingesperrt.

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Die verschiedenen Grafiken zeigen die unterschiedlichen Stadien eines Protests. Anfangs stehen sich ein normaler Demonstrant und ein Polizist gegenüber, durch die Accessoires, die sich verändern, wird dargestellt wie schnell eine legale und ruhige Situation in eine illegale und gewalttätige Situation umschwenken kann. Die Bilder im Hintergrund zeigen verschiedene Demonstration, historische Protestaktionen, Ausschreitungen und Proteste einzelner Personen.

 

STALKING / VOYEURISM

 

 

Natürlich sind beide vom Grundsatz verschieden, jedoch wird bei beiden die Privatsphäre einer der mehrerer Personen durchbrochen. Aus diesem Grund sind sie hier zusammengefasst. 
Sie bedienen sich beide des öffentlichen und semi-öffentlichen Raumes. 

Voyeurismus ist das Ausnutzen von bestimmten urbanen Gegebenheiten um sich sexuelle Lust zu verschaffen. Dies kann von Blicken aus dem Fenster oder von der Strasse in die Wohnung gegenüber sein oder aus dem Gebüsch auf sich Sonnende oder Badende. dieses Beobachten anderer Menschen, reicht oft weiter. In Südkorea ging der Voyeurismus im öffentlichen Raum soweit, dass eine eigene, nur aus Frauen bestehende, Polizeieinheit eingerichtet wurde, die sich um die sogenannten “Molka Verbrechen” kümmert. 

Molka bedeutet, dass an öffentlichen Orten Bilder von Frauen gemacht werden. Einerseits findet dies in der U Bahn statt, mit Smartphones oder anderen speziell angefertigten Geräten werden Fotos unter die Röcke von Frauen und Mädchen gemacht. Dies führte dazu, dass in Korea nur Smartphones verkauft werden, bei denen der Ton der Kamera nicht ausgeschaltet werden kann - natürlich gibt es dafür Apps die den Ton unterdrücken. 

Bei einer Variante werden Kameras in öffentlichen Toiletten oder Umkleidekabinen versteckt und Frauen beim Umziehen oder beim Besuch der Toilette gefilmt. Diese Videos und Fotos sind dann im Internet auffindbar. 

Stalking geht da noch einen Schritt weiter. Die Opfer werden nicht nur immer beobachtet, Stalker versuchen zu den Personen ihrer Begierde eine Beziehung aufzubauen und ihnen näher zu kommen. Oftmals werden betroffene Personen belästigt, auf der Straße verfolgt oder in ihrer Wohnung gestört. Die Opfer haben oft Probleme sich aus ihrer Wohnung zu bewegen, der Straßenraum wird unangenehm und sie fühlen sich verfolgt. Die Stalker benutzen genau diese Öffentlichkeit um ihren “Geliebten” näher zu kommen.


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In der Videoarbeit werden die beiden Themen zusammengeführt durch das Video soll eine Situation des Voyeurismus dargestellt werden. Durch die Bilder wird gezeigt, dass es oftmals nur alltägliche Situationen sind, die jemand spannend oder anziehend findet. Darüber wurde eine Tonspur von einer Frau aus Südkorea gelegt, die Opfer von Stalking wurde und die einen Einblick in ihre Situation gibt.

 

SQUATTING

 

Ob man Häuser, die leer stehen oder nicht benutzt werden, als zum öffentlichen Raum gehörend bezeichnet, ist natürlich Auslegungssache. 
In Zeiten der Wohnungsknappheit, in denen zahlreiche Wohnungen und Gebäude als Anlageobjekte leer stehen, sollte man diese als genau das sehen. Natürlich könnte die Politik diesen Leerstand versteuern und so dem Gemeinwohl helfen. 

Da dies aber nicht geschieht, könnte die Gesellschaft diesen Raum für sich beanspruchen. In Österreich ist das Besetzen von Häusern nicht alltäglich es gibt/gab nur wenige in naher Vergangenheit. Und diese Hausbesetzungen wurden, zumindest in Wien mit übertriebener Einsatzgröße und vor allem großen finanziellen Aufwand beendet. In anderen Ländern gibt es Bewegungen und Kommunen, die Häuser besetzen. Besonders spannend ist eine Punk-Gruppe in Großbritannien. Deren Mitglieder brechen in leerstehende Villen ausländischer Investoren ein, und stellt diese Orte Obdachlosen und anderen Punks zur Verfügung.
Dies zeigt wie absurd die Situationen momentan ist.

In Wien alleine fehlen an die 15.000 Wohnungen bei einem Leerstand von 35.000 Wohnungen. Natürlich sind mehrere Faktoren relevant dafür und man darf die Fakten nicht banalisieren. Hier soll aber eine Möglichkeit aufgezeigt werden, die diese leer stehenden Räume der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt und vielleicht auch Leute in Entscheidungspositionen anregt, über Lösungen nachzudenken.


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Was würde passieren, wenn es eine Plattform gäbe, die besetzte Häuser auflistet, in denen man für kein Geld leben/überleben kann. Die Videoarbeit soll genau das anregen. Es wurde eine fiktive Online Plattform erstellt, auf der genau diese Immobilien zur Verfügung gestellt werden.

 

GRAFFITI

 

Manche sehen es als Kunstform an, andere halten es für Vandalismus. Als Architekt ist eine Wertung schwierig. Einerseits wird die Stadt dadurch lebendiger graue Wände bekommen etwas Farbe und die Monotonie von Putz-Fassaden wird durchbrochen. Schwierig wird es jedoch, wenn gebaute Objekte, die in sich selbst schon ein künstlerisches bzw. ästhetisches Objekt sind mit einem Tag *¹ versehen werden. Beispiele dafür sind der Kiefer Pavillon in Salzburg oder die Brücke von Marte Marte Architekten auf der ein großes Ruin*² angebracht wurde. An prominenten Gebäuden angebracht, dienen diese Graffitis dem Bekanntmachen einer Person - quasi als Eigenwerbung. 
Andere Sprayer versuchen durch ihre künstlerische Begabung auf sich aufmerksam zu machen. Man findet Graffitis, die auch in Galerien gezeigt werden. Der britische Künstler Banksy*³ ist ein Beispiel dafür. So wird Graffiti oder Streetart in dafür spezialisierten Galerien ausgestellt und damit zu käuflicher Kunst. Galerien sind jedoch kein öffentlicher Raum.

Ein weiteres Phänomen, das ähnlich dem Tag in seiner Einfachheit ist, sind Statements meist politischer Natur. Spannend in diesem Zusammenhang ist wie sich politische konträre Einstellungen im Straßenraum rivalisieren - ein “refugees welcome” wird schnell zu einem “refugees NOT welcome”. Oder ein - “Macht den Frauen” zu einem “Macht den Männern”. 

Politische Statements können aber auch anders funktionieren, wie ich in Indonesien erfahren habe. Dort ist das Besprühen von Wänden zwar nicht legal und kann einen Sprayer schon mal für eine Nacht ins Gefängnis bringen, jedoch wird es weitgehend akzeptiert. In Yogyakarta sind an jeder Ecke Graffitis zu sehen. Die dort ansässigen Graffiti Künstler haben mir aber erklärt, dass sie nie kulturell wichtige Orte, wie zum Beispiel Tempel besprühen. Es gibt jedoch Ausnahmen. Verfallen bestimmte Orte mit Bedeutung, werden die Wände besprüht. Das führt im Idealfall dazu, dass die Gebäude renoviert werden. Graffiti kann somit als Ausdruck einer Einstellung, künstlerischer Begabung oder Meinung dienen. Es verändert Raum nicht immer nur visuell, sondern kann auch bewirken dass eine tiefgehende Erneuerung stattfindet.

*¹ Tags sind Schriftzüge des Künstlernamens, man verschafft sich Respekt umso mehr davon in der Stadt zu sehen sind und natürlich, wenn diese an schwierig erreichbaren Orten angebracht werden.

*² Name eines österreichischen Graffiti-Künstler
*³ Name eines britischer Streetartist/Künstler


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Im Video werden drei verschiedene Gruppen von Graffitis gezeigt. Grafisch und künstlerisch anspruchsvolle, Tags und Gekritzel so wie Statements. Es soll aufzeigen wie der Raum verschönert, bespielt oder zu einem Sprachrohr wird.